Tempus fugit – nicht mit Märchen!
Vorbei die Zeiten, dass (temporale) Märchenfloskeln wie „Es war einmal…“ oder „…und sie lebten glücklich bis an das Ende ihrer Tage“ verlässliche Gültigkeit besaßen. Das gutmütige Schneewittchen, das mit den Vögeln singt, muss einer schlagkräftigen Rapunzel weichen; wo die Sieben Zwerge früher noch fröhlich heigh-ho-ten, ist der Whirlpool im Sumpf eine anrüchige Angelegenheit geworden. Der puristische Märchenrezipient muss ordentlich Sinn für Humor beweisen.
Aber wie heißt es doch so schön an anderer Stelle: „Die Zeiten, sie sind ein Wechseln“. Und so muss man mit dem Lauf der Zeit gehen. Warum also nicht auch Märchen?
Und um im Modus der Zeit zu bleiben, liebt das (große) Kino immer wieder den Trend. Und was ist momentan en vogue, wenn nicht das Märchen? Und um deduktiv fortzufahren: Ganz besonders hat es Hollywood momentan das Märchen von Schneewittchen angetan. Neben dem diese Woche startenden Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (geht’s noch länger?!) ist bereits für den 31.05.2012 Snow White and the Huntsman angekündigt. Armutszeugnis für Tinseltown oder Ansporn für den cineastischen Komparatisten? Beides mag wohl von Geltung sein. Ein weiterer Trend, mag man euphemistisch-neutral meinen. Konspirativ könnte man von Ideenklau und Werksspionage munkeln, wenn das verhandelte Thema nicht wie eh und je altbekannt wäre. Konkurrenzprojekte sind so alt wie das Studiosystem. Immer wieder gab es die vermeintlich neue Idee, die groß angekündigt originell sein sollte. Man braucht gar nicht so weit zu gehen, um in den massenkompatiblen Sujets des Katastrophenfilms (geogen: Volcano vs. Dante’s Peak; exogeogen: Armageddon vs. Deep Impact) oder des Alieninvasionsfilms (Battle Los Angeles vs. Skyline) zeitlich nahe liegende Konkurrenzprojekte zu sehen. Und auch hier ist die Konkurrenz vor allem (zunächst) zeitlicher Natur: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst (den Mammon des Einspiels). Aber vielleicht ist es auch der pure Narzissmus? Unterstellen wir den Studios einen gewissen Sinn für Selbstironie, dann ist Schneewittchen naturgemäß die richtige Wahl, ist doch das Topos der Selbstbespiegelung zum Zwecke der Verortung im Kosmos des Filmemachens mehr als nur ehrenrührig. Natürlich sind wir Konsumentennicht so naiv. Der Narzissmus regiert allüberall.
Quo vadis, Märchen?
Hat sich das Märchen überlebt? Mitnichten. Die Rezeption von Märchen war schon immer einer gewissen Evolution unterworfen. Selbst vor dem Paradigmenwechsel vom Volks- zum Kunstmärchen gab es schon gravierende Veränderung – nur ohne Etikettentausch. Das Volksmärchen der Gebrüder Grimm unterschied sich bei genauerer Betrachtung gravierend von den Vorlagen, die sie gesammelt hatten und neu bearbeiteten. Während das Stammpublikum der frühen Volksmärchen eher dem volljährigen Stadium der Menschheit zuzurechnen ist, was sich in der Derbheit und den sexuellen Konnotationen darstellt, waren die Grimmschen Märchen einem jungen Publikum zugetan. Der belehrende Charakter stand nun im Vordergrund, die zünftige Vergangenheit rückte in den Hintergrund. Aber das Echo dieser Ursprünge klingt immer noch nach, getilgt scheint es nur in den populären Interpretationen durch Walt Disney. So hat dieses Studio vielleicht auch den modernen Archetypus von Schneewittchen geschaffen, zumindest aber den liebevollsten.
In your face! Spieglein Spieglein
Wo ist Spieglein Spieglein im Schneewittchen-Kosmos zu verorten? Spieglein Spieglein, vom Visionär Tarsem Singh für Relativity Media auf die Leinwand gebracht, enthält die altbekannten Motive, wenngleich zuweilen leicht variiert. Da ist die schöne, böse Stiefmutter und Königin, die mit Zaubermächten im Bunde steht. Da ist die noch schönere, nein, schönste Maid in Gestalt des liebenswerten Schneewittchens. Da ist der auch nicht unschöne junge Prinz. Und da sind die sieben Zwerge, die hier aber keine klassischen Bergarbeiter sind, sondern aufgrund mangelnder Toleranz seitens der Stadtbewohner in den dunklen Wald gedrängt, die sich als Outlaws und Wegelagerer verdingen. Auch wird – wie allgemein bekannt – Schneewittchen nach Rat durch den Spiegel von der Königin zum „Abschuss freigegeben“, also von deren Lakaien in den Wald geschleppt, auf dass das Mädchen dort den sicher geglaubten Tod empfange. Derweil will die Königin sich den Prinzen kraft eines Zaubermittels gefügig machen. Natürlich endet alles anders und wie gewohnt glücklich. Wie unterhält Spieglein Spieglein? Der Schwerpunkt wird auf Wortwitz und physical comedy gelegt. Schauspielerisch hinterlässt Julia Roberts mit sichtlichem Spaß an ihrer bösartigen Eitelkeit am nachhaltigsten Eindruck. Während keiner so schön winseln und hecheln kann wie Armie Hammer, schlägt sich Lily Collins halbwegs tapfer als rehäugige Putze und Möchtegern-Amazone.
Die Zwerge entfalten in ihrer differenzierten Charakterisierung ähnliches Potential wie ihre animierten Freunde aus dem Jahre 1937. Tricktechnisch und visuell (vor allem Letzteres) setzt Spieglein Spieglein neue Maßstäbe oder zumindest neue Duftmarken. Der Gang durch den Spiegel sowie die Attacke durch die gigantischen Marionetten wissen zu beeindrucken. Spieglein Spieglein scheint in der animierten Sequenz zu Beginn des Filmes, von der bösen Köigin süffisant erzählt, den Trend fortzusetzen, den Hellboy 2 initiiert hat und in Harry Potter und die Heiligtümer des Todes, Teil 1 einen würdigen Epigonen fand.
Zusammenfassend kann man sagen: Spieglein Spieglein ist ein opulenter Kinderspaß. Die Zielgruppe ist also klar.
Mit Spannung ist nun der zweite Ansatz in Gestalt von Snow White and the Huntsman zu erwarten. Den Trailern vertrauend wird das erwachsene Schneewittchen (hier in Person von Kristen Stewart) zu sehen sein. Das erwachsene Publikum kann nur darauf hoffen. Wenigstens Charlize Therons Impersonifizierung der bösen Königin ist vielversprechend. Abwarten: To be continued …
PS: Können Märchen sich verschleißen? Dem Anschein nach nicht. Der Mensch wird der Märchen in welcher Form auch immer nicht überdrüssig. Vielleicht liegt es in der Natur der Märchen, dass sie immer wieder (neu und anders?) erzählt werden müssen. So bleiben sie lebendig. Und auch ein Zeichen von Qualität, dass trotz verschiedener Beschaffenheit der Kern stets erhalten bleibt. Dies gilt auch für Spieglein Spieglein, welches sich am Ende nicht zu weit vom rettenden Ufer der Wiedererkennung entfernt hat. Trotz Bollywood-Einschlags hinter dem Zieleinlauf.
Weiterführende Infos zu Spieglein Spieglein
Trailer zum Film: http://www.moviepilot.de/movies/spieglein-spieglein/trailer
Bilder: Spieglein Spieglein © Studiocanal (Kinowelt)
Spieglein Spieglein läuft ab dem 05.o4.2012 in den deutschen Kinos. Jetzt schon vormerken unter: http://www.moviepilot.de/movies/spieglein-spieglein
Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films
Über den Autor
Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.
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