a lot of body: “Jailbreak Mind” von Fabien Prioville im DOCK11

Titelbild

Keinesfalls möchte ich ins Visier der Kamera geraten. Erbarmungslos wird sie auf das Publikum gerichtet und sucht sich scheinbar wahllos ihren Fokus. Hoffentlich wahllos. Die Kamera zoomt heran, ganz nah an ein Gesicht, das zugleich überlebensgroß in den Bühnenraum projiziert wird. Das leicht verwackelte Videobild erscheint im Nachtsichtmodus. Vereinzelt werden dumpfe Bässe eingespielt. Ich bin angespannt. Schließlich Stille.

Die Soloperformance „Jailbreak Mind“ des Tänzers Fabien Prioville gerät in diesem Moment aus dem Tempo, hält inne und holt die Zuschauenden gewissermaßen auf die Bühne. Ein retardierendes Moment im rasanten Rausch des Abends. Ein Abend an dem Tanz auf Amok, Videospiel auf Tanz und wiederum Amok auf die populäre These vom gefährlichen Mediengebrauch trifft. Es passiert unglaublich viel, beinahe zu viel. Fast bin ich überreizt an diesem Abend im DOCK11. Fabien Prioville, ehemaliger Tänzer der kanadischen Kompanie „La La La Human Steps“ und des „Wuppertaler Tanztheaters“, holt gemeinsam mit Video-, Licht- und Klangkünstler_innen den Amok auf die Bühne. Und das Publikum mitten rein – in den Fokus der Kamera und damit ins Visier der Aufmerksamkeit – all das erhält in diesem Kontext einen fast schon bedrohlichen Beigeschmack.

Eigenes Bild 2 (gross)Doch was macht der Amok eigentlich auf der Bühne? In einem gewissen Sinne sind Amok und Bühne, Amok und Tanz gar nicht so weit voneinander entfernt. Im Amok wird ein ‚Niemand‘ zu einem ‚Jemand‘, die/der sich in der Öffentlichkeit auf symbolische Weise, auf gewaltvolle Weise inszeniert – ritualhaft inszeniert – und im Zentrum der Aufmerksamkeit eine Bühne findet. Damit wird der Amok keinesfalls zu einem Akt der Kunst, jedoch zu einem Akt der Inszenierung von Gewalt. Den wiederum Fabien Prioville im Tanz auf der Bühne in Szene setzt. Zum Videospiel „Grand Theft Auto“ bewegt er sich in gewisser Weise gegen und mit dem Avatar des Spiels. Teils synchron, teils versetzt nimmt Fabien Prioville beinahe eine mechanische Körpersprache an, wird zur Marionette des Spiels – oder seiner selbst. Nicht ‚natürlicher‘ Körper und ‚unnatürliche‘ Technik werden hier gegenübergestellt, sondern ihre gegenseitige Durchdringung. Technik und Körper, Videospiel und Tänzer als Produkt des jeweils anderen. Eine wechselseitige Aufladung. Bis zum rauschartigen Höhepunkt von „Jailbreak Mind“: Das weiße Hemd, ähnlich einer Strumpfmaske, um den Kopf gebunden, den Blick auf den trainierten Oberkörper freigelegt, emanzipiert sich der Tänzerkörper von den mechanisierten Bewegungen. Im getanzten Amok verfällt Fabien Prioville einer Art Ekstase – tänzerisch virtuos über die Bühne gleitend, die Hände zur Waffe gefaltet, im Rhythmus der Musik, in Lichteffekte gehüllt, inszeniert, ritualisiert – Gewalt höchst ästhetisiert. Ich kann mich dem Genuss des Moments nicht entziehen. Unterhaltung pur.

„Jailbreak Mind“ verhandelt viel, ganz viel. Jenseits der allzu vereinfachenden Debatte um unkontrollierten Mediengebrauch kann Tanz andere Perspektiven auf das Phänomen des Amoks eröffnen. Zwischen Rausch und Erregung finde ich mich an diesem Abend mit der Inszenierung einer Tat konfrontiert.
Mehr zu Fabien Prioville findet ihr hier: http://www.fabienprioville.com/.

Jailbreak Mind: Fabien Prioville
27. und 28. Januar 2012
Solo im Rahmen von tanz.tausch 2011/12
DOCK11
STUDIOS
Kastanienallee 79
10435 Berlin
Konzept / Choreografie / Tanz: Fabien Prioville
Komposition: Frank Schulte
Video: Nina Juric
Licht: Michael Götz
Dramaturgische Beratung: Stefan Schwarz
Foto: Ursula Kaufmann

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Über die Autorin: Nach dem Studium der Europäischen Medienwissenschaft, Filmwissenschaft und Kulturwissenschaftlichen Medienforschung in Potsdam, Kopenhagen und Weimar kehrt Katharina zurück nach Berlin und widmet sich voll und ganz der Wissenschaft des bewegten Körpers. Seit Oktober studiert sie Tanzwissenschaft und lässt dabei auch wieder ihren eigenen Körper zu Wort kommen.

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