Treffer, versenkt – oder: Die Titanic war kein Battleship

Gestern jährte sich zum 100. Mal der tragische Untergang der Titanic. Weniger tragisch, aber umso dramatischer ist ein Film namens Battleship, ein Eisberg für den Filmgeschmack eines jeden Cineasten auf Kollisionskurs. Site1 von Elmar Mertens (17.04.2012)
Titelbild

 

Ein Spiel geht seinen Weg

Vor nicht allzu langer Zeit – um genau zu sein: vor vier Wochen – sprachen wir an dieser Stelle über das Phänomen Franchise im Filmgeschäft. Die Ideenarmut der Filmemacher führt zu einer weiteren seltsamen Blüte von fragwürdigem Geruch. Nachdem der Spielfigurenhersteller Hasbro mit der Transformers-Reihe (leider) erfolgreich ins Business eingestiegen ist, war es nur eine Frage der Zeit und Unverschämtheit, bis sie sich entschlossen, ihren Weg konsequent weiterzuführen und nun selbst Brettspiele auf die Leinwand zu zimmern. Den Anfang machte nun Battleship, ein Actionfilm, der auf dem Spiel „Schiffe versenken“ – lose – basiert. Eigentlich sehr lose. Denn wer das Spiel kennt, weiß, dass dieses selbst wenig Ankergrund für eine Story liefert: Zwei Spieler versuchen jeweils die Schiffe des Gegenspielers zu versenken. Das Spielfeld der jeweiligen gegnerischen Partei ist nicht einsehbar. Auf den Spielflächen werden in einem Koordinatenfeld verschieden große Schiffe platziert, die aufgrund ihrer Größe mehr oder weniger Treffer einstecken können, bevor sie untergehen. Diese wesentlichen Elemente – Koordinatenfeld und Stecker – wurden gekonnt in den Film übernommen – als auf Tsunami-Warnbojen-basierte Ortungsmöglichkeit der außerirdischen Raumschiffe, sowie deren Stecker-förmige Munition. Sagte ich „Außerirdische“? Ditto. Nun kommen wir also zum Film-gewordenen „Schiffe versenken“ in Form von Battleship. Und ja, es gibt also eine Handlung zu Battleship: Während eines internationalen Flottenmanövers stoßen amerikanische Soldaten auf außerirdische Lebensformen und ihre hochgerüsteten Raumschiffe, die eine Invasion planen. Auch sie führen eine Übung durch und isolieren einen Teil der Flotte, um diesen – Achtung! – in der Manier von „Schiffe versenken“ auf den Meeresgrund zu befördern. Aber: Die Außerirdischen sind nicht seelenlose Kampfmaschinen, sie kennen sogar so etwas wie Moral. Jeder Gegenstand, von Schiff bis hin zum Menschen wird auf seine potentielle Gefahr hin gescannt, zu erkennen an einem grünen bzw. roten Scan-Rahmen. Die Farben sprechen für sich. Ist diese Moral bei den Aliens nun die einzige erzählerische Untiefe der Geschichte? Mitnichten. Denn es gibt ja noch so etwas wie Charakterentwicklung.

O drama, where art thou?

Gemäß dem Drehbuch-Guru Syd Field erwächst das Drama dem Konflikt. Wollen wir Battleship dramatisch gestalten, benötigen wir schon etwas mehr als den Kriegskonflikt zwischen Mensch und Alien. Es fehlt noch der Kitsch-Faktor. Man möge mir dieses plumpe Wortspiel nachsehen, aber es passt. Das Drama entspringt nämlich den Problemen des Hauptcharakters Alex Hopper, gespielt von Taylor Kitsch (!). Alex ist der klassische Tunichtgut wider Willen. Denn er kann nichts dafür, er zieht Probleme wie magisch an. Nach der zu Beginn des Films ausgespielten Burrito-Episode (Erläuterung folgt) weiß sich sein älterer Bruder Stone (Alexander Skarsgård), Offizier bei der Marine, nicht anders zu helfen, als Alex ebenfalls zur Marine zu schicken. Das Boot-Camp zeitigt Erfolge, wie wir nach einem Sprung in der Zeit und einem Gang zum Frisör sehen. Aber nur bedingt. Alex hat Potential, aber ihm mangelt es an Disziplin. Und natürlich will es das Drehbuch, dass er sich ausgerechnet in die Tochter von Admiral Shane (Liam Neeson) verliebt und sie zu heiraten gedenkt. Dieser sieht die Liason aufgrund Alex‘ Charakterschwächen höchst ungern. Und er ist altmodisch. Mit dem deshalb noch ausstehenden Bitten um seinen Segen droht der nächste Konflikt. Während des wenig später folgenden Gefechts wird Alex nach für seinen Bruder ungünstigen Umständen (man könnte sie auch als fatal bezeichnen) zum Kapitän wider Willen befördert. Doch noch ist Alex dieser Verantwortung nicht gewachsen, weitere Konflikte in Form von Niederlagen müssen ausgestanden werden, damit dem Drama Genüge getan werden kann. Wenn man also wissen will, wie Drama funktioniert, die Antworten dazu gibt Battleship.

Kritikpunkte

Aus den oberen Zeilen ist schon zwischenzeilig eine gewisse Kritik zu entnehmen. Nun möchte ich sie aber noch ausformulieren. Die Spezialeffekte stehen dabei außer Frage, sind State of the Art. Und erinnern nicht umsonst an die aus Transformers. Von einigen Stimmen wurde Battleship auch als „Transformers zur See“ bezeichnet. Das eigentliche Problem ist der Ton des Filmes. Anders als die Transformers-Filme hält sich Regisseur Peter Berg in der Instrumentalisierung der Frau bis auf wenige Einstellungen zurück, die „Stilisierung“ des Frauenkörpers fällt weniger michaelbayesk aus. Im „Sinn für Humor“ gibt es allerdings mehr Überschneidungen. Der Humor stellt das eigentliche Problem von Battleship – zumindest für mich – dar. Ich möchte gar von einer Tendenz sprechen, einem Lacher-Trend. Der Film möchte sich ironisch oder gar selbstironisch geben. Tut er aber nicht. Dafür ist er dann doch zu ernst. Der hier zum Einsatz kommende „Humor“ bricht sich Bahn und ist letztlich so subtil wie die Spezialeffekte. Zwei Beispiele will ich bringen: Zu Beginn versucht Alex Sam (die Tochter des Admirals, hier noch nicht als solche identifiziert) zu imponieren, indem er ihr den in der Bar (wo er sie auf sensible Art anzubaggern versucht) verwehrten Burrito innerhalb der nächsten fünf Minuten besorgen will. Der Zuschauer fragt sich nicht, warum ein gertenschlankes Mädel unbedingt auf Burritos/Fastfood steht, sondern will wissen, ob es Alex wohl gelingen mag. Denn das (geschriebene) Schicksal will es natürlich, dass der nahe gelegene Laden just in dem Moment dicht macht, wo Alex noch/schon in Sichtweite ist. Die Verkäuferin erweist sich als unerweichlich, woraufhin sich Alex genötigt sieht, in den Laden einzubrechen. Die Sicherheitskameras zeichnen dies alles minutiös auf, will meinen die Kollateralschäden, die Alex bei seinem Unternehmen hinter bzw. unter sich lässt. Das Ende vom Lied: Die Polizei kommt, phasert Alex nieder. Aber nicht einmal, eine zweite Ladung muss her, denn Alex hat den Willen, Sam die Burrito-Gabe an ihrem Altar zu opfern im Gegenzug für ein Date. Der Lacher im Hals hinterfragt sich selbst, denn nicht nur hier ist es „too much“, visualisierter Schenkelklopferhumor.

Springen wir zum Ende: Zusammen mit einem Museumsstück von Schlachtschiff (die USS Missouri) bekommt auch das fossile Inventar in Form einiger Veteranen des 2. Weltkrieges bzw. des Koreakrieges die gewünschte Reaktivierung und darf den Jungspunden unter ACDC-Beschallung zeigen, wie man gute alte analoge Maschinen betreibt. Und auch ein Kriegsversehrter, der nichts anderes als Soldatsein gelernt hat, bekommt seine Chance, dem Vaterland wieder vollwertig zu dienen. Vielleicht waren hier Lobbyisten am Werk; diejenigen des Marine-Rekrutierungsbüros/der Rüstungsindustrie bzw. die Herren von der Burrito-Mafia. Zückt eure Verschwörungstheorien.

Alea iactae est – oder: Entscheidung mit Rubikon

Nachdem Hasbro, der Spielehersteller und Filmproduktionsfirma hinter Transformers und G.I. Joe mit Monopoly und Cluedo bereits weitere Spielvorlagen für Adaptionen in der Pipeline hat, hätte ich auch einige Vorschläge für weitere Spieleverfilmungen:

1. Jeopardy – Mischung aus Quiz Show und Running Man

2. Mensch ärgere dich nicht – die Wutprobe trifft Hangover (Adam Sandler, Jack Nicholson, Bradley Cooper und das Äffchen aus Hangover II spielen mit einem überdimensionierten Menschärgere-dich-nicht-Feld, wie es jede gut sortierte Verbindung bereit hält, nur echt mit Biergläsern anstatt der Hütchen.

3. Und um es etwas seriöser zu gestalten, wird die Schachnovelle von Stefan Zweig verfilmt. Mit der Inszenierung wird Tim Burton betraut, und er kann dort weitermachen, wo er mit Alice im Wunderland aufgehört hatte.

Aber vielleicht wäre ein Biopic über Hasbro auch ein mögliches Thema. Titel: Die Scrabble-Connection.

Mein Fazit – um es mit The Who zu sagen: Too much of anything, too much for me,
Too much of everything gets too much for me.

 

Weiterführende Infos zu Battleship

Trailer zum Film: http://www.moviepilot.de/movies/battleship/trailer

Bilder: Battleship © Universal Pictures International

Battleship läuft seit dem 12.04.2012 in den deutschen Kinos. Jetzt schon vormerken unter: http://www.moviepilot.de/movies/battleship

 

Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films

 

Über den Autor

Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.

 

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