Ein Zeigefinger gleitet beständig über die kreisrunde Oberkante eines Wasserglases. Ihm zur Seite eine Reihe von Videoloops: weitere Finger, weitere Gläser. Die erschallenden Töne, je nach Glas in unterschiedlicher Frequenz, verdichten sich zu einem raumfüllenden Klingen. Als sphärisch beruhigender Hintergrund, zeitweise auch als monotones Störgeräusch legt sich die Soundinstallation CANBEREAD auf diese Weise als Klangteppich unter die umliegenden Arbeiten. Er ist die scheinbar einzige Konstante in dieser bewegten Ausstellung. Im Nebenraum streifen neonfarbige Lichtspuren zuckend umher, beschreiben bunt die Wände. Erinnern an Verkehrsampeln, Autoscheinwerfer, Lichtgraffiti. In der Mitte der urbanen Lichtkulisse bieten große Kissen die Chance, sich vom gläsernen Summen umspült im nächtlichen Tokio niederzulassen. Denn aus dieser Stadt stammen sowohl die Bilder als auch der sie aufzeichnende Künstler.
Es ist die erste deutsche Einzelausstellung des Japaners Takehito Koganezawa, die derzeit im Haus am Waldsee zu sehen ist. Die Überblicksschau des in Berlin lebenden Künstlers zeigt neben Video- und Lichtinstallationen auch seine fragilen, fast naiv anmutenden Zeichnungen. Koganezawa widmet seine Arbeiten der Bedeutung und Wahrnehmung von Zeit, der Flüchtigkeit. Wie konsequent, dass alles in dieser Ausstellung (in) Bewegung scheint. Denn gerade in ihrem Verlauf lässt sich der Fluss der Zeit am deutlichsten erfahren. Dabei nutzt Koganezawa einfachste Mittel, um die Fragen nach Gehen und Vergehen zu verarbeiten. In Paint It Black, and Erase malen Koganezawas Finger unaufhörlich mitCreme auf einer Glasplatte. Geschwind erschafft er Linien und Muster, trägt die Creme auf und nimmt sie im nächsten Zug wieder ab. Kreist auf der Fläche, wischt sogleich alles wieder fort. So enthüllen sich für kurze Momente leise Anzeichen konkreter Motive, werden Kringel Vorboten von Blüten, eine Wellenlinie erstes Zeichen einer Silhouette. Nur allzu gern möchte man dieser Flüchtigkeit Einhalt gebieten, den flinken Finger greifen, und Stopp! rufen. Damit der Blick die Chance erhält einen Moment auszuruhen. Damit der Kopf hinterherkommt. Damit nicht jedes Bild nur der Übergang zwischen zwei anderen ist. Doch vergebens: ein Wischen und ein Ausradieren folgt auf's andere... Eben noch erspähte Formen gehen in neuen Linien auf.
Die Frage nach Zeit und Zeitlichkeit ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst und Teil jedes kulturellen Selbstverständnisses - verschiedene Kulturen haben und hatten unterschiedliche Zeitkonzepte. Setzt man Koganezawa in den Kontext unseres schnelllebigen Alltags, erfahren scheinbar abstrakte Themen ganz lebenspraktische Relevanz. Denn im permanenten Übergang, zwischen nicht-mehr und noch-nicht, umgeben von Informationsüberfluss und der steten Angst, zu spät zu sein, zeigen Koganezawas Arbeiten die Schönheiten des Übergangs und sensibiliseren für ihre Momenthaftigkeit. Grund genug sich inmitten der Großstadthektik in die Kissen fallen zu lassen.
Die Ausstellung läuft nur noch dieses Wochenende!
Haus am Waldsee
Argentinische Allee 30
D-14163 Berlin
Tel.: +49 (030) 801 89 35
E-mail: info@hausamwaldsee.de
Abbildungen von oben nach unten:
1. Ausstellungsansicht Ausstellung Luftlinien, Foto von Bernd Borchardt
2. Ausstellung Luftlinien, Copyright Haus am Waldsee
Kommentare & Bewertungen
Jetzt selbst kommentieren/bewerten!tiffany and company necklace
tiffany and co necklaces
tiffany necklace online
tiffany pendants