Das Aufwärming
Es gibt Menschen, die wissen schon sehr früh, wer sie sind und was sie werden wollen. Andere gehen den Weg der negativen Exklusion, sie zäumen das Pferd von hinten auf und nennen diesen Vorgang Selbstfindung: Ich weiß zwar nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich nicht will. Ich bin so ein Schlag Mensch, auch wenn ich mich nicht unbedingt gerne schlage, aber hin und wieder sehr gerne in meiner Phantasie zum Hulk mutiere, der eine Schneise schneidet durch die Scheiße auf seiner Reise und dabei eine Spur der vergnügten Verwüstung hinterlässt. Aber auch ich habe gerungen – vorzugsweise mit meinem Cousin, den ich dann auch nach wildem Geraufe bezwang. Und ich habe auch sonst viel gerungen, wobei ich das Wort „hadern“ vorziehe, denn war da doch mein Gegner von solchen Ausmaßen wie das Schicksal, das Gewissen – oder Scylla und Charybdis in einem: der innere Schweinehund… Und da ich es nicht zum Rennfahrer brachte (wir erinnern uns), dachte ich gen Ende meines Studiums daran, dass Boxen bestimmt das Richtige für mich sei: Fitness, Physis und Beweglichkeit, drei Dinge in Einem. Und wieder saß ich einem Irrtum auf und fiel vom hohen Ross meiner Hybris. Denn schon in der ersten (und dann auch einzigen) Stunde musste ich erkennen, dass es mit meiner Fitness nicht weither war, meine Physis der eines wild schäumenden Rentners bei weitem unterlag und meine Beweglichkeit angesichts des auf mich heran stürzenden Greises einer Starre wich, die einem Rigor mortis nicht unähnlich war. Glücklicherweise verfiel ich noch auf die Opossum-Taktik, was mir wahrscheinlich das Leben rettete; ein Schlag, ein Schnüffeln an meinem wie tot daniederliegenden Körpers, ein kopfschüttelndes Schnaufen, Abgang.
Und die Moral meiner Geschicht? Verleg deine Energie aufs Schreiben statt aufs Schlagen: Kritik an deinem Stil gibt keine blauen Flecken, sondern nur Stiche ins Ego. Meine Form des Win Win.
1. Runde: Zum Begriff des Win Win
Als Win Win (oder Win-Win-Situation) bezeichnet man gemeinhin den Umstand, dass zwei Parteien (bei mehr beteiligten Parteien entsprechend mehr Wins hinzufügen) den gleichen Nutzen aus einer Situation ziehen; in der Natur wäre solch eine Konstellation vergleichbar mit einer Symbiose, wenngleich diese in der Rückübertragung des Bildes für gewöhnlich äußerst kurzfristig ausfällt, also weniger Dauer als vielmehr Resultat darstellt. Win Win kann man aber auch weniger positiv konnotiert auf die Juristerei übertragen, wo sie in der Kategorie (außergerichtlicher) Vergleich anzusiedeln wäre. Oder aufs Schachspiel, wo sie der Situation nach dem Remis (oder der Sondersituation Patt) nicht unähnlich ist – insofern man auch ein Unentschieden als Gewinn ansehen kann.
Das Motiv des kleinen Sieges, der zum Triumph führen kann, soll das Tertium comparationis oder die Unio mystica (je nachdem, welchem Vergleich man mehr Aufmerksamkeit schenken will) sein und bildet die Grundlage für den kommenden sportlichen (respektive sportiven) Vergleich zweier Filme, deren einer schon letzte Woche anlief (Klitschko: Kinostart 16.06.2011) und deren anderer in knapp einem Monat anlaufen wird (Win Win: Kinostart 21.07.2011). In beiden Filmen geht es ums Siegen, natürlich, drehen sich beide Filme doch um Sportarten. Aber diese könnten nicht weiter voneinander entfernt sein, handelt es sich bei der einen doch um Einzel-, bei der anderen um eine Teamsportart. Und dennoch: In beiden Disziplinen geht es letztlich darum, den Gegner auf die Matte zu schicken. Außerdem sind sowohl Faust- als auch Ringkampf seit alters her Bestandteile der olympischen Spiele. Im sogenannten Pankration („Allkampf“) kombinierte man sogar beide Kampfarten synergisch. Der Vergleich von Boxen und Ringen ist also (diesmal) nicht so weit hergeholt. Und letztlich kämpft der Ringkämpfer ja auch allein gegen seinen Gegner. Auf der Matte (im Ring) kämpft man immer für sich allein. Alles andere wäre kein Ringen, sondern eine (Kneipen-)Rangelei. Q.e.d.
2. Runde: Zu den beiden Filmen
Auch wenn Klitschko im Verleih von Major 20th Century Fox ist und Win Win im Verleih von dessen Independent-Tochter Fox Searchlight, kann man nicht behaupten, Klitschko sei Mainstream, Win Win Arthouse. Beide Filme haben große Namen vor der Kamera: mehrfache Boxweltmeister hier, zweifacher Golden-Globe-Gewinner dort. Wenngleich die Klitschko-Brüder im wahren Leben Hallen gefüllt haben mit zigtausend Besuchern, werden die Kinos zwar nicht leer bleiben, aber Klitschko ist seiner Natur des Dokumentarfilms gemäß kein Film mit Blockbusterqualitäten. Auch Win Win wird sein Geld mehr als einspielen (insofern mehr Win als Win Win sein), doch ist die Geschichte zu klein, die Helden nur sympathisch, das Drama zu klein. Was wiederum ein Gewinn für den Film ist.
Während Klitschko (auch hier im Namen eine Unio mystika: die mystische Verschmelzung der beiden Brüder zu einer Person, wie es in einer Anekdote im Film auch tatsächlich passierte: Weil Vitali gesperrt war, bekam ein Flensburger Ringerverein kurzerhand den jüngeren Bruder Wladimir gestellt, der Vitali in der Tat sehr ähnlich sieht – so verschieden sie auch vom Wesen her sind) eine Art Biographie der Brüder Vitali (Jahrgang 1971) und Wladimir (Jahrgang 1976) ist, die sowohl die einzigartig doppelte Sportlerlaufbahn von den 1980ern bis 2008 beleuchtet, als auch die politischen Ambitionen im Falle Vitalis nicht ausspart, ist Win Win einer dieser Filme, der – unter dem Label Independentkomödie mit ernsten Untertönen gelistet – die Geschichte vom kleinen Mann (hier im Wortsinne) erzählt mit seinen Problemen, die zwar auf kleiner Bühne gelebt werden, aber dennoch von existentieller Bedeutung für alle Beteiligten sind. Mike Flaherty (Paul Giamatti) ist ein Anwalt in einer kleinen Kanzlei irgendwo in New Jersey und hält sich und seine Familie mit Tätigkeiten wie der eines Betreuer von älteren Menschen mehr schlecht als recht über Wasser. In seiner Freizeit coacht er ehrenamtlich zusammen mit Wirtschaftsprüfer Stephen Vigman (Jeffrey Tambor) die ebenfalls erfolglose Ringermannschaft der örtlichen Highschool. Da Mike eher ein stiller Vertreter seiner Zunft ist und Sorgen eher in sich versenkt, als ihnen Ausdruck zu verleihen, erleidet er eines Tages beim Joggen gar eine Panikattacke. Als Mike die Vormundschaft des dementen Leo Poplar (Burt Young) übernimmt, wittert er die Chance, seine Geldsorgen zu entschärfen, bekommt er doch monatlich 1500 $$ für die Betreuung. Da Mike dafür jedoch nicht die nötige Zeit aufbringen kann, steckt er Leo in ein Altersheim. Eines Tages taucht dessen Enkel auf, Kyle (Alex Shaffer). Er ist von zuhause abgehauen, was umso einfacher war, da sich seine überforderte Mutter in einer Entzugsanstalt befindet. Mike nimmt Kyle auf, sehr zum Widerwillen seiner Frau Jackie (Amy Ryan). Wie sich herausstellt, ist Kyle ein begnadeter Ringer, der Mike und seinem Team endlich zu Erfolg verhelfen kann. Dann aber erscheint Kyles Mutter und fordert Sohn und ihren Vater. Das Glück kippt wie Mikes morscher Baum im Vorgarten…
3. Runde: Die literarisierende Qualität
Es gibt wohl keine Sportart, die nicht so mythifiziert, heroisiert wird wie das Boxen. Und dazu einlädt, über den Sport zu reflektieren. Boxen ist kein Massenphänomen wie Fußball oder Baseball, kein Sport für das Volk. Das Publikum rekrutiert sich hauptsächlich (oder wenigstens in der Fiktion) aus Halbweltcharakteren und Neureichen. Sie wollen nicht bloß unterhalten werden, sie wollen das Spektakel: Erst gibt’s auf die Fresse, dann die Moral (erst schlagen, dann nach der Ästhetik fragen). Doch Boxen ist nicht pure Prügelei. Boxen ist Strategie und Energie gleichermaßen. Und Boxen ist das Wachen über Regeln. In keiner Sportart sonst ist der Schiedsrichter so nah dran wie der Richter im Ring. Vielleicht ist es das Vereinen solch einer scheinbar widersprüchlichen Kombination von reiner Physis und filigranen Bewegungen, die so viele Schriftsteller wie zum Beispiel Berthold Brecht in ihren Bann gezogen hat und zu poetischen Statements pro Boxen verleitete.
Sollte man jetzt allerdings denken, das Ringen würde schriftstellerisch stiefmütterlich behandelt, so hat man sich gehörig geschnitten. Denn (Achtung Oxymoron!) kein geringeres Schwergewicht als John Irving hat dem Ringkampf zu höheren Weihen verholfen, indem das Ringen in einer Vielzahl seiner Werke eine zentrale Rolle spielt (so vor allem in Garp und wie er die Welt sah oder in Hotel New Hampshire, die beide auch verfilmt wurden). Und auch die Drehbuchautoren (denn auch das Drehbuch gilt als literarische Form, wenngleich der gemeine Zuschauer diese Tatsache gerne unter den Teppich der Ignoranz kehrt) Thomas McCarthy (ebenfalls Regie in Win Win) und Joe Tiboni zelebrieren ihre Leidenschaft für den Ringkampf in einigen herrlichen Szenen, ohne dass die Fachsprache ausgespart wird, was den Film authentischer macht, den Laien allerdings ein wenig außen vor lässt (der Authentizität wird also bewusst der Vorzug gegeben).
4. Runde: Erst auf die Matte, dann die Moral (Reprise – slightly changed)
Klitschko. Die Fallhöhe hier: Im Film wird der Gedanke reflektiert, warum die Klitschkos solche sympathischen Saubermänner sind, und sie sodann als Resultat der strengen Erziehung des Berufssoldaten und Vaters (oder in umgekehrter Reihenfolge) beschrieben. Dies soll ihr sympathisches Wesen nicht schmälern. Sie sind keine Maschinen. Sie sind qua ihrer Erziehung (und da darf auch der Einfluss der Mutter greifen) schlicht auf dem Teppich geblieben. Somit bleibt hier die Hybris aus. Und die Fallhöhe gleich mit. Beide Brüder haben sich immer wieder zurückgekämpft, mit eisernem Willen und eiserner Faust (so zumindest bei Vitali „Dr. Eisenfaust“ Klitschko). Denn das hat ihnen nicht zuletzt Max Schmeling, die große deutsche Boxlegende, mit auf den Weg gegeben: „Du kannst stürzen. Aber du musst auch immer wieder aufstehen.“ Was im Kino schwülstig klingt, ist im Boxsport nicht Pathos sondern Ethos, notwendige Eigentümlichkeit des Boxers. Und kein schrägmäulig gebrülltes: „Aaadriaan!“ Wo bei Rocky eine klassische Geschichte vom Aufstieg des kleinen Mannes zum blutverschmierten Triumphator arg hymnisch geraten ist, bleibt bei Klitschko das Dramatische dem Kampf an sich vorbehalten, mit einer Dramaturgie, wie sie kein Drehbuch, keine Strategie vorgeben kann, sondern nur der Wille zur Entscheidung zweier Kontrahenten. Gesichts-beeindruckende Bilder in Zeitlupe in ungeschönter Ästhetik bilden allerdings die Höhepunkte in einer erhellenden und intim geratenen Dokumentation zweier herausragender Leben, die in ihrer Nähe zueinander jedem eineiigen Zwillingspaar garantiert den Rang ablaufen könnten. Randnotiz: Besonders lakonisch wie amüsant sind die Ausführungen des plastischen Chirurgen und Dienstleister an den Klitschko-Brüdern über typische Boxverletzungen geraten.
Win Win: Jeder hat eine zweite Chance verdient. Was leicht ins allzu Dramatische oder zumindest Rührselige hätte abdriften können, wird durch die authentischen Charaktere abgefedert. Paul Giamatti beweist einmal mehr, dass er den Alltagshelden der Mittelschicht mit Bravour zu mimen weiß (denn dass er neben subtil spielen auch wild chargieren kann, wissen wir nicht zuletzt seit Shoot `em Up). Auch sein Held begeht eine Hybris, indem er das Vertrauen seiner Freunde missbraucht, doch ist die Fallhöhe nicht zu hoch. Das ist sehr angenehm, macht es die Identifikation doch leichter. Denn auch Sympathie kann eine Form von Katharsis sein.
5. Resultat:
Es gibt keinen Sieger, nur Gewinner.
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