In der Vorschau: Young Adult – Ein empathischer Charakter

Ein halbes Jahr vor Prometheus sind Charlize Theron und Patrick Wilson bereits in Young Adult zu sehen – keines Mal als Paar. Warum nicht, das erfahrt ihr hier… Site1 von Elmar Mertens (07.02.2012)
Titelbild

Irgendetwas muss falsch sein mit Patrick Wilson bzw. seinen Charakteren. Weder in Prometheus noch in Young Adult will er mit Charlize Theron bzw. ihren Charakteren in mehr als nur einer abstrakten Beziehung stehen. In ersterem Film pflegen beide eine geschäftlich-ehrgeizige Beziehung, in letzterem waren sie zumindest in der Vergangenheit einmal ein Paar; jetzt hingegen zieht er ihr Elizabeth Reaser (hauptsächlich bekannt aus Twilight) vor. Meine Wahl hingegen fiele eindeutig zugunsten Charlize Theron aus. Ist sie doch ein besonders begehrenswerter Mensch – insofern man das aus der Distanz des schmachtenden Fans heraus sagen kann. Nachdem man Young Adult gesehen hat, muss man dieses Urteil vielleicht doch noch mal revidieren. OK, man sollte immer strengstens zwischen Rolle und dem realen Menschen unterscheiden – aber mal ehrlich: wer tut das denn schon?! Aber die dieswöchige Betrachtung eines Filmes soll nicht das grundsätzliche Problem der Rezeption des Filmes als potentiell irreales Konstrukt zum Thema haben, sondern ein Fallbeispiel bringen zur Unterscheidung von Sympathie und Empathie: Young Adult.

So sieht GenerationMavis Gary (Charlize Theron) verdient sich ihren Unterhalt mit dem Schreiben von Unterhaltungsliteratur – für die Zielgruppe Young Adult, Literatur für Junge Erwachsene. Ihre Inspiration dafür entnimmt sie direkt ihrer Umwelt, kopiert sie von den Lippen ihrer Zielgruppe – und ihrem eigenen Leben. Denn Mavis ist trotz ihrer mittlerweile 37 Jahre nie dem Jugendalter entwachsen. Davon zeugt ihre Hello-Kitty-Garderobe, die Unordnung in ihrer Wohnung und in ihrem Leben (u.a. steht eine gescheiterte Ehe zu Buche). Zudem hadert sie mit ihrer jüngsten Kopfgeburt, die nicht so recht ins Leben finden will. Ihr Agent (die Stimme von Jason-Reitman-regular J.K. Simmons) macht Stress, und dem Alkohol ist Mavis auch mehr als nur zugeneigt. Wie ein gerufener Geist kommt da die Mail, die samt Foto von der Niederkunft des Erstgeborenen ihrer Highschool-Liebe Buddy Slade (Patrick Wilson mit einem Namen wie geschaffen für den Sänger einer Band) Zeugnis gibt und zum Babypinkeln einlädt. Die Nachricht hinterlässt bleibenden Eindruck. Auch wenn sie mit ihrer Flucht aus dem Mief ihrer heimatlichen Kleinstadt Mercury in den Minneapple wie eine Siegerin auszusehen scheint, ist sie nie über die Beziehung und ihre damaliges Alter hinausgekommen. Mavis ist davon überzeugt, dass Ex-Freund ein besseres Leben als das jetzige verdient hat und will ihn deshalb zurückgewinnen. Ein willkommener und vermeintlicher Ausbruch aus der Routine ihrer Realitätsflucht und doch nur ein weiterer Schritt in den sicheren Gefilden einer Traumwelt. Die Klamotten und der Spitz werden schnell in Koffer bzw. Tasche gepackt, dann geht es per modernen Mini Cooper zurück in die Vergangenheit. In Mercury angekommen trifft sie des Abends Matt Freehauf (Patton Oswalt), einen ehemaligen Schulkameraden, dem von Mavis, Buddy und dergleichen Elitären damals übel mitgespielt wurde und der noch heute daran leidet – also der Prototyp eines vom Schicksal Gebeutelten. Matt ist auch nie erwachsen geworden. Mavis weiht ihn in Alkohol-schwangerer Stimmung (ein Zustand, an den man sich bei ihr schnellt gewöhnt) in ihren Plan ein. So ergeben die beiden ein einseitig verschworenes Paar von Misfits, was er akzeptiert, sie nicht wahr haben will. Überhaupt ist Mavis in ihrer Verblendung nicht zu übertreffen. Und so – blind für ihre Umwelt und auf ihre Mission fixiert – stürzt sie sich in ein Desaster mit Ansage, aus dem sie vielleicht geläutert hervorgehen mag. Aber das sei hier natürlich nicht erzählt.Szene auf der Babypinkelparty

Was hier allerding erzählt sein mag, ist, dass Young Adult so manche Lektion bereit hält in Fremdschämunterricht. Und auch in der Unterscheidung von Sympathie und Empathie. Im letzteren Falle dürfen sich alle ebenfalls (zwanghaft) Junggebliebenen angesprochen fühlen. Denn man leidet nicht nur mit ihr – sondern vor allem an ihr mit. Man leidet durch ihr verzweifeltes, blindes Bemühen, das in einem an Peinlichkeit kaum zu überbietendem Höhepunkt gipfelt. Hier zeigt sich das wortwörtlich Peinliche in der Entblößung ihrer Seele, aber auch die meta- wie physische Verletzung selbiger, die ihr in der Vergangenheit widerfuhr. Ein Offenbarungseid, der absichtlich so kryptisch unausformuliert bleibt, sei hier doch kein Spoiler angeraten. Bis zu diesem Punkt gibt sich Charlize Theron/Mavis Gary alle Mühe, nicht als besonders sympathisch rüberzukommen. Dabei sollte sie doch ihrer Pflicht als Protagonistin bewusst sein, Identifikation via Sympathie zu stiften. Aber, der Alarm sei flugs abgestellt, denn auch über das Zuschalten der Empathie kann es noch zur Katharsis kommen. Drehbuchautorin Diablo Cody (Oscar für Juno, die erste Kollaboration von ihr und Regisseur Jason Reitman) ist sich der Mechanismen der menschlichen Psyche bewusst und spielt mit ihnen gekonnt. Natürlich sind diejenigen, die auch am Peter-Pan-Syndrom gerne leiden und gar nicht erst gerettet werden wollen oder den Ausspruch Erich Kästners („Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.“) zu ernst nehmen (ernst und Kind, ein Oxymoron) , klar im Vorteil, da sie nicht unterscheiden müssen zwischen mit- und einfühlen, was zwar nur eine Silbe und doch ein mitunter großer Unterschied ist. Dessen bewusst geht man quasi doppelt geläutert aus dem Film hervor. Danke also für die Qual!

Patton Oswalt in Young AdultEin Wort zu den Schauspielern: Während man weiß, das Charlize Theron eine Marke und Wucht ist als Schauspielerin, ist die Entdeckung von Patton Oswalt ein nicht zu unterschätzender Zugewinn. Seine visuelle Awkwardness mag ihn Hollywood-gemäß nicht so häufig auf Besetzungslisten finden lassen. Umso glücklicher darf man sich also schätzen, dass Jason Reitman ihn auf einem seiner allsonntäglich stattfindenden Privatkinoabende die Rolle angeboten hatte.

Zum Soundtrack: Der Soundtrack spielt eine große Rolle in einem Film wie Young Adult, ist er doch nicht nur Kommentar, bedeutungstragendes Element des Filmes. In ihm spiegelt sich der Zeitgeist, in dem Mavis gefangen ist (zu sehen und zu hören im Vorspann, wenn Mavis das Tape mit The Concept von Teenage Fanclub immer und immer wieder abspielt), und er kommentiert ironisch die Lebenswelt der Protagonisten. Schade, dass es Queen Bitch von David Bowie vom Trailer nicht in den Film geschafft hat. Eine eigensinnige wie geschmäcklerische Forderung hier, denn das Lied passt zwar in den Kontext einer Homecoming Queen Bitch, aber nicht zum Ton des Filmes.

Aber, um es mit einem anderen Lied zu sagen: You can’t always get what you want.

 

 

Weiterführende Infos zu Young Adult

Trailer zum Film: http://www.moviepilot.de/movies/young-adult/trailer

Bilder: Young Adult © Paramount Pictures

Young Adult läuft ab dem 23.o2.2012 in den deutschen Kinos.

Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films

 

Über den Autor

Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.

 

 

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