Auch ein Superheld hat es schwer. Immer ist er in der Pflicht, nicht weniger als die Welt zu retten, immer ist er im Fokus, dem Wohl und Wehe seiner Schutzbefohlenen ausgesetzt. Denn die Menschen sind von wankelmütigem Wesen. Und standen sie eben noch in deren Gunst, kann sich das Blatt bald wenden, und die Superhelden werden zu Super-Buhmännern. Aber auch von anderer Seite droht dem Karma Unbill. Vom Superhelden selbst. Denn in der Regel sind Superhelden Egoisten und Individualisten. Das liegt in der Natur ihrer Genese, die sie qua (endo- oder exogener) Mutation von der Allgemeinheit absondert. Hat man sein neues Schicksal erst einmal empfangen, so muss man es alleine stemmen. Ein stak ausgeprägtes Ego ist dann die logische Konsequenz. Und hat man sich darauf eingerichtet, ist es sehr schwierig, wieder von dem gewählten Weg des Einsamen Wolfes abzuweichen und sich zum Teamplayer herablassen muss. Ein Stück des Alleinstellungswertes hinten anstellend. Daher können wir, die Mitglieder des westlichen Selbstbezogenheitswahns viel von The Avengers lernen und den Blockbuster aus dem Hause Marvel gar in die Sphäre einer Parabel entrücken.
Auch das Zusammntreffen von Superhelden hat eine Über-Geschichte
Aber zunächst ein paar Schritte zurück. Denn The Avengers ist auch in anderer Hinsicht ein Phänomen. Als vor vier Jahren der erste Avenger in Gestalt des Iron Man in Erscheinung trat, wurde ein Multimillionen-Wagnis aus der Taufe gehoben. Das ehrgeizige Ziel: Nach und nach, Film um Film den Weg zu bereiten für DAS Zusammentreffen der Superhelden. So folgte auf den ersten Auftritt des Iron Man kurz darauf schon The Incredible Hulk (beide 2008), dann 2010 ein weiter Iron Man, 2011 Thor und Captain America, um 2012 zum Jahr der Avengers zu machen. Der Coup: Ans Ende eines jeden Filmes wurde im klassischen Gewand eines Cliffhangers Ausblick gegeben auf den jeweils nachkommenden Superhelden-Auftritt. Sie zusammen genommen kann man als einen vierjährigen Teaser auf das Großereignis Marvel’s The Avengers sehen. Im Endeffekt ein cleverer Schachzug, um die Fans bei der Stange zu halten und vorzubereiten auf die Dinge, die da kommen sollten. Und doch waren sie letztlich von der Gewogenheit der Fans abhängig, die mal mehr (Iron Man, Captain America) , mal weniger (Iron Man 2, The Incredible Hulk, Thor) zufrieden waren mit den Ergebnissen – in künstlerischer Hinsicht (also den Geist der Vorlage getreu werdend), nicht in Hinblick auf das Einspiel (was den Fan natürlich kaum interessiert, wohl aber das produzierende Studio).
Aber die Verantwortlichen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Das Kalkül war nicht berechnend, sondern von Fans in den eigenen Reihen unterfüttert. So ging man mit Iron Man zu beginnen historisch korrekt vor, gehört er doch zu den Gründern der bunt zusammen gewürfelten Truppe, die sich in den Dienst der Menschheit stellen, jedwede terminale Gefahr abzuwenden.
Diese Gefahr geht in The Avengers von Thors Halbbruder Loki (Tom Hiddleston) aus, eine gekränkte Seele, die verständlicherweise auf die Auslöschung der Menschheit sinnt, nachdem der arg menschelnde Thor in im gleichnamigen Film Loki in seine Schranken gewiesen hatte und in die Weiten des Universums verbannt hatte. Ein weiteres Puzzleteil in der Motivation des Filmes stellt das sogenannte Tesserakt dar, ein kosmischer Würfel voll ungeahnter Energie, in Thor und Captain America schon eingeführt. Mithilfe dieses Würfels wollen die Verantwortlichen von S.H.I.E.L.D. (akronymisch für Strategic Homeland Intervention, Enforcement and Logistics Division stehend) zukünftige Energiekrisen obsolet machen. Doch bei einem Versuch, der Energie Herr zu werden, öffnet S.H.I.E.L.D.-Vorsteher Nick Fury (Samuel L. Jackson) und sein Wissenschaftsteam ein Portal, durch das Loki auf die Erde gelangen kann. Er war indes nicht untätig und hat sich mit einer Armee Außerirdischer verbündet. Loki entwendet das Tesserakt, um mit dessen Hilfe ein größeres und konstanteres Portal für die bevorstehende Invasion zu kreieren. Dies ist der Moment, in dem Nick Fury das ikonische „Avengers Assemble!“ ausrufen kann. Aber das Assemblieren ist schwieriger zu bewerkstelligen als gedacht. Denn Superhelden können nicht so einfach rekrutiert werden – wie gesagt – um im Team zu arbeiten.
Von den Avengers lernen, heißt Team-orientiert lernen
Teamwork funktioniert nur bei Teamspirit. Daher besteht ein Großteil des Filmes in der Entwicklung
der Selbstfindung zur Teamfindung. Was nicht heißen soll, dass es dann zunächst eher ruhig und bedächtig zugeht. Im Gegenteil – die Avengers lassen es auch hier schon ordentlich krachen, wenn sich die Egos aneinander reiben, sich im Reviermarkieren ihrer selbst bewusst werden, bevor sie ein schlagkräftiges Kollektiv bilden können. Und dann stehen sie Seite an Seite, bilden im Film einen Kreis, der in schöner 360°-Kamerafahrt umrundet werden (Ballhaus hätte es nicht schöner machen können): Die drei Ur-Avenger Iron Man (Robert Downey Jr.), Hulk (CGI und Mark Ruffalo) und Thor (Chris Hemsworth) und der Nachzügler Captain America (Chris Evans). Dazu die beiden S.H.I.E.L.D.-Agenten - Top-Spione und Präzisionskiller, die ihresgleichen suchen - Black Widow (Scarlett Johansson) und Hawkeye (Jeremy Renner) als Quoten-Normalos. Das Team setzt sich also zusammen aus High-Tech, gepaart mit Nonchalance und Schnodderschnauze; klugem Kopf wie unberechenbarer Zeitbombe; dem Göttlichen mit Menschenkomplex; dem aufrechten Strategen, der etwas aus der Zeit gefallen ist; den Menschen mit düsterer Vergangenheit. Und das Wunder gelingt und der Satz des Aristoteles bewährt sich um ein weiteres Mal: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.“
Avengers Assemble! – Gerne jederzeit wieder.
Ja, ich gebe zu: Ich hatte meine Bedenken. Mit jedem Einzelteil, mit jedem Häppchen, das man auf dem Weg der Genese von Marvel’s The Avengers strategisch zugeworfen bekam, wuchs meine Skepsis und schrumpfte meine Erwartungshaltung. Ja, ich bin ein großer Fan von Comicverfilmungen, aber ich wurde, ach, so häufig doch enttäuscht (Wolverine, Green Lantern et cetera et cetera). Und mein Glaube in die Kraft des Blockbusters wieder einmal erschüttert, als ich Zeuge des Battleship-Untergangs (natürlich nicht an den Kinokassen) geworden bin.
Aber Avengers macht all das richtig, was ein Möchtegern-Blockbuster wie Battleship falsch macht:
Anstatt von einem unglaubwürdig motivierten Spektakel zum nächsten zu springen (nach einer letztlich fad vorgebrachten Einleitung), wodurch die Effekte zum reinen Selbstzweck verkommen, werden sie bei den Avengers der Story unter- und eingeordnet bzw. sinnstiftend eingesetzt. Dies sind dann Muskelspiele, gewiss, aber mit Köpfchen vorgetragen. Dies kann nur gelingen, wenn hinter dem Unternehmen ein Fanboy mit einer klaren Vision steht. Und genau das ist den Verantwortlichen mit der Verpflichtung von Joss Whedon gelungen. Er findet die Balance für ein fast perfektes Vergnügen. Diese Einschränkung aber nur vorgebracht, um sich schon auf das Sequel zu freuen, wenn es heißt: „Avengers Assemble – Once again with more feeling!“
Weiterführende Infos zu Marvel's The Avengers
Trailer zum Film: http://www.moviepilot.de/movies/the-avengers/trailer
Bilder: Marvel's The Avengers © Walt Disney Motion Pictures/Marvel Studios
Marvel's The Avengers läuft seit dem 26.04.2012 in den deutschen Kinos.
Weitere Filmbesprechungen findet ihr unter: http://www.artiberlin.de/magazin/films
Über den Autor
Elmar Mertens hat sich auch unter unzähligen Pseudonymen (u.a. E.L. Merteng) bisher noch keinen Namen gemacht. Wenn er nicht gerade für ARTiBERLIN über Filme schreibt, tut er dies als Moviepilot. Sehr gerne. Wenn es den Spruch „Dafür werden Filme gemacht.“ noch nicht geben würde, Elmar hätte ihn gerne erfunden.
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