Buchkritik: "Schoßgebete" von Charlotte Roche Serie: Frauen oder was?

Liebe Charlotte Roche, ich schreibe Dir, weil mich das Thema Sex in Deinem neuen Roman im Hinblick auf zwei unterschiedliche Gesichtspunkte interessiert. Site1 von Sonja Laaser (25.10.2011)
Titelbild

In Deinem ersten Roman „Feuchtgebiete“ hast Du dem Überhygienefimmel der Sexualität den Kampf angesagt und den Lesern zu vermitteln versucht, dass es für guten Sex nicht auf das Datum der letzten Vaginalrasur ankäme. In Deinem neuen Roman „Schoßgebete“ beschäftigst Du dich erneut mit dem von Werbung und Magazinen verbreiteten „Sauber Frau“-Bild unserer Generation, deren Regiment sich die Frauen unterwerfen und dadurch ihre freie sexuelle Entfaltung verlieren bzw. nie entwickeln können. Dabei sprichst Du Verhaltensmuster und Ängste unserer Generation an.

„Das ist genauso, wie wenn die Männer bei der Geburt ihrer Kinder wie so ein Arzt genau da hinschauen, und dann verkraften die das nicht, dass die Scheide so zerfetzt und gespreizt wird. Auch das so viel Scheiße bei einer Geburt rausgedrückt werden kann, verkraften viele Männer nicht.“

„Ich setze mich aufs Klo und pinkele erst mal. Ich pinkele, schon seit ich bewusst pinkele, extra laut. Ich mag keine Frauen die extra leise pinkeln.“

„Nur der Mann ist ein guter Mann, der mich mit all den grauen Haaren und Falten akzeptiert, die zu mir gehören.“

Der zweite Aspekt, den ich hervorheben möchte, besteht in der Suche nach einem Rezept für aufregenden Sex in einer langjährigen Beziehung. Das vielseitige Sexualleben Deiner Hauptprotagonisten Elisabeth mit Puffbesuchen und „high class“ Pornos stellt eine solche Möglichkeit dar. Leider befindet sie sich jedoch in einem ständigen Kampf mit Bildern, die ein bestimmtes Sexualverhalten als Akt männlicher Unterdrückung suggerieren und sie daran hindern zu entspannen.

„Mein Frauenbewegungshirn redet mir, mit dem Schwanz meines Mannes im Po, ständig aus, dass das geil sein kann, und währenddessen redet mein Enddarmausgang mir ein, dass das sehr wohl sein kann.“

Dein Frauenbewegungshirn steht für Alice Schwarzer, die für Dich der Inbegriff  der verurteilenden Sexualität ist. Alice Schwarzer ist der Feminist-Sex Wars Bewegung[1]  zuzuordnen, welche mit ihrer Anti-Pornokampagne ihren Kampf gegen Pornos als Ausdruck weiblicher Unterdrückung begann. Sie steht der Sex-positiven Feminismus Bewegung[2] gegenüber, welche sich für dafür ausspricht, dass die Frauen sich der Pornographie für ihre eigene Sexualität bedienen sollten. Liebe Charlotte, Du triffst zwar den Nerv der Zeit. Wir müssen wieder mehr über Sex sprechen. Irgendwann zwischen den 70ern und heute ist dieses Thema auf der Strecke geblieben. Jedoch ist Dein - sowie auch das Liebesleben der meisten Personen Deiner Generation im Gegensatz zu dem von Simone de Beavoire und Alice Schwarzer reaktionär. Deinen Entschluss, Alice Schwarzer die Rolle der Sexkillerfrau unserer Generation zuzuschieben, scheint mir inhaltlich falsch und eher populistisch motiviert. Ansonsten vielen Dank für Deine Vorbildsrolle: Frauen können wieder verdammt cool und sexy und feministisch sein.

Deine Sonja

Schoßgebete von Charlotte  Roche,
erschienen im Piper Verlag GmbH,
München 2011

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